Donnerstag, 7. Mai 2015

Die Schlucht

Nachtgraue Felswände formen den Trichter
an dessen Eröffnung ich steh.
Und wenden sich mit jedem Schritt immer dichter
zum blassgrünen Licht, das ich seh.

Der Himmel über der düsteren Schlucht
ist dunkelroter Wolkendunst.
Die Wurzeln greifen voller Wucht
den Fels in verbissener Kletterkunst.

Das blassgrün schimmernde Ende der Wände
strahlt verheissungsvoll den Boden an.
Und die Wipfel der Bäume winken behände
und rauschen damit ich sie hören kann.

Die Sonne indessen entschwebt meinem Blick,
der Himmel verschmilzt mit dem Stein.
Das weisende Licht zieht sich stetig zurück
und lässt meine Augen allein.

Die Dunkelheit legt ihre nasskalte Hand
um meinen Körper. Ich scheine verloren.

Da erreicht voller Zuspruch, reflektiert von der Wand,
das Rauschen des Walds meine Ohren.

Montag, 4. Mai 2015

Zuvielisation

Murmelnd, haspelnd, fingerraspelnd,
rasend oder starr vor Wahn.
Sitzen sie (beim Atmen rasselnd)
täglich in der Strassenbahn.

Blicke treffen sich und harren
für unbequeme Ewigkeiten.
Wie Menschen durch die Strassen karren,
wie überspannte Nervensaiten.

Die Norm erscheint mir abnormal,
je mehr ich von ihr sehe.

Bald sitz ich selbst erkaltet starrend,
weil ich sie nicht verstehe.

Mittwoch, 11. Februar 2015

Anarchie

Wir sind die tausend Neunmalklugen,
verdorbene Früchte des Baums der Gesellschaft.
Wir sind die Kinder eurer Fehler,
vom guten Ton dahingerafft.

Wir laufen schreiend um die Wette,
lachen, rufen, trinken, fluchen,
besuchen Orte, die uns versuchen.
Als dröhnende, bebende Ruhestätte.

Und wie wir so tosen, in dem hitzigen losen
Gemenge verwelkende Rosen liebkosen,
verendet die Zeit.

Wir werden erwachsen. Und schweigen ab dann
geordnet und stramm. Bis mit unserem letzten Wort ein Geist entstirbt.

Und die Seuche der Ordnung den nächsten verdirbt.

Donnerstag, 29. Januar 2015

Samstagnacht

Ich höre neben meinen Schritten,
das Herz der kühlen Samstagnacht.
Es folgt bedächtig allen Tritten,
schlägt traumverloren unbedacht.

Ein Lufthauch gleicht dem Atemzug,
den Strassenbeugen manchmal hauchen.
Worte scheinen nicht genug,
wie immer wir sie auch gebrauchen.

Es schlägt und tanzt auf schwarzem Teer,
es summt aus jedem Abflussschacht.

Es gleitet singend hin und her,
das frohe Herz der Samstagnacht.

Samstag, 24. Januar 2015

Weltgeist

Befremde Mensch, Befremde!
Befremde dir vertraute Blicke.
Unverständlich schielen sie
dir pläneschmiedend hinterher.

Befremde Mensch, befremde!
Befremde das Nicken, das Lächeln.
Das Funkeln der Augen verrät Verrat!

Befremde, Mensch. Befremde.

Meide deine alt Bekannten,
sie wollen dir das Letzte nehmen.
Sieh nur wie sie äugeln!

Vertrauen war vor langer Zeit
ein Mythos von Verbundenheit.
Als das Menschensein noch Gleichheit war.
Als Fremde sich mit Neugier trafen.

Als der Weltgeist noch ein anderer war.

Befreunde, Mensch. Befreunde.

Montag, 15. Dezember 2014

Morgenstimmung

Silberfäden stechen durch die
transparenten Glasquadrate,
die an blauen Schnüren hängend
andachtsvoll ihr Klingen singen.

Lupenreine Wassertröpfchen
rollen über Wellblechdächer
und stürzen sich an deren Ende
todesmutig bodenwärts.

Schlagen einzeln auf die Fäden,
als plätschernd reiner Harfenklang.
Einzeln auch als blaue Streicher
an der blauen Schnur entlang.

Sinfonien nasser Stille im
gebrochnen ersten Sonnenstrahl.

Und doch als ganzes auch nicht mehr,
als ein Windspiel am Laternenpfahl.

Donnerstag, 27. November 2014

Intervention

Wir hören euer Rufen, wir hören euch.
Wir sehen euer Leiden, wir sehen euch.
Wir riechen euer Elend, wir riechen euch.

Wir hören, sehen und riechen aus der Ferne
euer Sterben, im immer grösser werdenden
Verderben.
Und wie jedes Mal wenn wir es sehen,
euer Leiden, euer Flehen, wenden wir uns
furchtsam ab, denn

Wir hören euer Rufen, wir hören euch!
Wir sehen euer Leiden, wir sehen euch!
Wie riechen euer Elend, wir riechen euch!
Wir erkennen eure Lage, wir erkennen euch!

Doch wir warten lieber, schauen euch in aller Ruh zu,
wie ihr kämpf und scheitert und sterbt und
wartet.
Wird das warten monoton, folgt die Intervention.
Wir schicken Waffen, Uniformen,
Proviant und Notschlafzelte. Stacheldraht und Mauerdornen.
Eingreiftruppen! Fliegerbomben!
Bis die Welt am Ende schweigt.

Wir hörten euer Rufen, wir hörten euch.
Wir sahen euer Leiden, wir sahen euch.
Wir rochen euer Elend, wir rochen euch.
Wir verkannten eure Lage, wir verkannten euch.
Wir bekämpften eure Feinde, wir bekämpften

Euch.